Sonntag, 25. September 2011
"Metaphysische Malerei?" - Giorgio de Chirico
Giorgio de Chirico schrieb 1918:
In den idiotischen Lattenzäunen, hinter denen die diversen Rudel bisher bellten und brüllten, sind
die Gatter geöffnet. Jeder neue Zeuxis ( https://de.wikipedia.org/wiki/Zeuxis_von_Herakleia ) zieht jetzt für sich allein los, um das Merkwürdige und
Neue zu erforschen, das sich wie der Maulwurf in der Kruste des ganzen Erdballs breit macht.
»Die Welt ist voll von Dämonen.« So sagte Heraklit aus Ephesos als er während der Mittagsstunde,
die schwanger von Geheimnissen war, in den Säulengängen auf und ab ging.
Es ist notwendig, die Dämonen in allem zu entdecken.
Die alten Kreter prägten ein enormes Auge mitten in die zarten Profile, die ihre Vasen, das Haus-
haltsgeschirr, umkränzten oder sich an den Wänden der Wohnungen reihten.
Auch der Embryo des Menschen, des Fisches, des Huhnes, der Schlange ist im Anfang nichts als
Auge.
Es ist notwendig, das Auge in allem zu entdecken.
So dachte ich schon während der letzten Jahre vor Ausbruch des Krieges in Paris.
Um mich herum hetzte sich der internationale Haufen der modernen Maler törichterweise zwischen
verbrauchten Formeln und unfruchtbaren Systemen ab.
In meinem elenden Atelier der Rue Campagne-Premiere begann ich als einziger, die ersten Erschei-
nungen einer neuen Kunst zu erkennen, die umfassender, tiefer und schwieriger ist. Um es mit
einem Wort zu sagen — selbst auf die Gefahr hin, bei einem französischen Kritiker eine Gallenkolik
zu verursachen — einer metaphysischeren Kunst.
Neues Land erschien am Horizont.
(1918)

(Zitat "De Chirico, Gesammelte Schriften" 1973)



"Geheimnis und Schwermut einer Strasse" 1914
"Metaphysische Malerei?" - Giorgio de Chirico

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