Sonntag, 24. April 2011
Verklärung (Transfiguration)
Die Verklärung (Transfiguration) Christi ist im letzten großen Altarbild von Raffael (1483 - 1520) dargestellt. Dieses komplexe Gemälde (405 x 278cm) gilt als Raffaels Testament (K. Oberhuber, s. u.) und wurde nach dem Tode Raffaels in seinem Atelier vorgefunden.



Drei ganz unterschiedliche Teile hat Raffael in einem einzigen Bild vereint.

Da sind zunächst in der linken oberen Ecke zwei Heilige aus der Frühzeit des Christentums, die die Transfiguration als Vision in ihrem ekstatischen Gebet erleben. Sie stellen aber nur eine Randerscheinung des Geschehens dar.

Das zweite Ereignis ist die Transfiguration selbst, die
bei Matthäus (17, 1-9) so beschrieben wird: »Und nach
sechs Tagen nimmt Jesus den Petrus und den Jakobus
und dessen Bruder Johannes mit sich und führt sie ab-
seits auf einen Hohen Berg. Und er wurde vor ihnen ver-
wandelt, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, sei-
ne Kleider aber wurden weiß wie das Licht. Und siehe, es
erschienen ihnen Mose und Elia, die mit ihm redeten.
Petrus aber begann und sagte zu Jesus: Herr, es ist gut,
daß wir hier sind. Wenn du willst, werde ich hier drei
Hütten machen, dir eine und Mose eine und Elia eine.
Als er noch redete, siehe, da überschattete sie eine lichte
Wolke und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach:
>Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen
gefunden habe; höret auf ihn!< Als das die Jünger hörten,
warfen sie sich auf ihr Angesicht nieder und fürchteten
sich sehr. Und Jesus trat hinzu, rührte sie an und sprach:
Stehet auf und fürchtet euch nicht! Als sie aber ihre Augen
erhoben, sahen sie niemand als Jesus allein. Und als sie
vom Berg hinabstiegen, gebot ihnen Jesus: Saget
niemandem von der Erscheinung, bis der Sohn des
Menschen von den Toten auferweckt worden ist!«


Der dramatische dritte Bereich des Gemäldes findet in der unteren Hälfte statt.


(Ausschnitt aus der unteren Hälfte des Altarbildes)

Es ist das Ereignis, das nie zuvor zusam-
men mit der Transfiguration dargestellt worden war,
die Szene der Heilung des besessenen Knaben, die in der
Bibel unmittelbar auf die Transfiguration folgt und bei
Matthäus (17, 14-2.1) beschrieben wird: »Und als sie
zum Volk gekommen waren, trat ein Mensch zu ihm,
warf sich vor ihm auf die Knie und sagte: Herr, erbarme
dich meines Sohnes, denn er ist mondsüchtig und hat
schwer zu leiden; er fällt nämlich oft ins Feuer und oft
ins Wasser. Und ich brachte ihn zu deinen Jüngern, und
sie konnten ihn nicht heilen. Da antwortete Jesus und
sprach: 0 du ungläubiges und verkehrtes Geschlecht,
wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch
ertragen? Bringet mir ihn hierher! Und Jesus bedrohte
ihn, und der Dämon fuhr aus von ihm, und der Knabe
war von jener Stunde an geheilt. Da traten die Jünger für
sich allein zu Jesus und sagten: Warum konnten wir ihn
nicht austreiben? Er aber sagte zu ihnen: Um eures Klein-
glaubens willen. Denn wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr
Glauben habt (auch nur so groß) wie ein Senfkorn, wer-
det ihr zu diesem Berge sprechen: Hebe dich weg von
hier, dorthin! und er wird sich hinwegheben, und nichts
wird euch unmöglich sein.«


Konrad Oberhuber schreibt in seinem Raffael Buch von 1999 abschließend in seiner Bildanalyse:

"Wir können heute sehen, daß trotz der Einbeziehung der Schutzheiligen oben links, die Botschaft des Gemäldes über die Grenzen christlicher Konfessionen hinausreicht und nach wie vor eine elementare Wahrheit birgt. Es inspirierte nicht nur Goethe, sondern auch den Philosophen Friedrich Nietzsche zu tiefgründigen Aussagen über die Conditio humana, über Schmerz und Ekstase, Leiden und himmlische Glückseligkeit, über die Gegenüberstellung von dionysischem Zerissensein, wie es dem tobenden Kind widerfährt, und dem Emporgehobenwerden in apollinische Höhen, wie es Christus verkörpert..."
Verklärung (Transfiguration)

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Montag, 19. Oktober 2009
Gnosis, Teil 3
"Gnosis" heißt "Wissen" oder "Erkenntnis", wobei die Erkenntnis als Mittel der Erlösung gedacht wird, ja, sogar als Form der Erlösung selbst. Dazu schreibt Hans Jonas (1903 - 1993) in "Gnosis. Die Botschaft des fremden Gottes (Erstausgabe 1957)":
" Daher ist in den radikaleren Systemen, etwa
dem valentinianischen, das »Wissen« nicht nur ein Mittel zur
Erlösung, sondern an sich schon die Form selbst, in der man
das Ziel der Erlösung, also die letzte Vollendung, besitzt. Da-
bei wird behauptet, Erkennen und Einwohnung des Erkannten
fielen in der Seele zusammen - der Anspruch jeder wahren My-
stik. Gewiß ist dies auch der Anspruch der griechischen theoria,
allerdings in einem anderen Sinne. Diese, als Schau der Vernunft,
hat es mit der Erkenntnis des Universalen zu tun, den wandel-
losen Strukturen des Seins, und das kognitive Verhältnis ist ein
gleichsam visuelles, vergleichbar dem des Auges zu den generi-
schen Formen der Sinnendinge. Höchstes Objekt der theoreti-
schen Vernunft sind die ewigen ersten Prinzipien allen Seins, die
auch wohl »göttlich« heißen. In ihrer Betrachtung erhebt sich
der zeitliche Geist vorübergehend ins Zeitlose, zu einer Teilhabe
am Ewigen, doch dies selbst tut nichts dazu, wird nicht davon
berührt, die Distanz des Sehens verbleibt und mit ihr die Einsei-
tigkeit des Subjekt-Objekt-Verhältnisses. Im Unterschied dazu
versteht sich gnostisches »Erkennen« als reziprok, als gleichzei-
tig (von Gott) Erkanntwerden. Es richtet sich nicht aufs Allge-
meine, sein Ziel ist vielmehr das ganz und gar Besondere (denn
auch die transzendente Gottheit ist immer noch ein Besonde-
res), und dieses muß sich selbst aktiv zu erkennen geben. Wäh-
rend hellenische Vernunft sich von den Formen, die sie betrach-
tet, »informieren« (gestalten, bilden) läßt, soll gnosis das Sub-
jekt »transformieren« (von »Seele« zu »Geist«), und zwar durch
die substantielle Vereinigung mit einer Realität, die in Wahrheit
selbst das höchste Subjekt in der Situation ist und strenggenom-
men überhaupt niemals Objekt wird."
Gnosis, Teil 3

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Sonntag, 13. September 2009
Amaryllis - ein Mysterium
Anton Schnack schreibt (Mädchenmedaillons, 1946, 19):
"Dein Haar ist veralteter Samt vielleicht, Amaryllis, deine Stirne ist einsam und aus gelbem Bein. Deine Wimpern sind wie ein niederhängender, flüchtiger Schatten. Dein Auge ist in die Nacht gerichtet, dein schwermütiges, traumgenährtes Auge, aber in der Tiefe ist alles an ihm schmerzliches Wissen und grundloses Dunkel."
Amaryllis - ein Mysterium

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